Das Möbiusband
Chiara Fontana

Leseprobe

© 2009 by Peter Bergmann. All rights reserved.

Moebiusband 200

Alle Bezugsquellen

Das Universum ist zu groß und zu alt, als dass wir sagen könnten, wo und wann das Spiel begonnen hat oder gar, wie es enden wird. Wir wissen nur eines: Wir sind mittendrin.

PROLOG

Wächter, Eintrag 731.429
Ich bin ein Wesen jenseits der Zeit und ich will euch eine Geschichte erzählen. Mein Name ist … Ach, der hat euch nie etwas gesagt. Ich war für euch immer nur der Wächter. Der Wächter in Menschengestalt. Zumindest für die wenigen von euch, die mich näher kennen gelernt haben. Meine Aufgabe ist es, etwas zu bewachen, das eigentlich nicht hierher gehört und das in gewisser Weise nicht einmal wirklich hier ist. Doch wie sollt ihr das verstehen?
Zuerst muss ich wohl erklären, was ich bin und vor allem, was ihr seid. Ihr seid auf eurer Seite des Zauns. Ihr seid das Universum. Das entspricht vielleicht nicht eurer Vorstellung von euch selbst. Ihr selbst seht euch als winzige Wesen, auf Gedeih und Verderb gefesselt an einen kleinen Planeten, der irgendwo in den unendlichen Weiten des Alls um seinen Stern kreist, einen durchschnittlichen gelben Zwerg, der wohl noch mehr als 4 Milliarden Jahre stabil bleiben wird. In dieser Perspektive fühlt ihr euch ein wenig einsam und verloren. Dies ist aber nur die äußerliche, recht kleinmütige Anschauung. Die Wirklichkeit ist anders.
Euer Universum ist eine ungeheure energetische Entladung mit einer interessanten Eigenschaft. Sie bildet Strukturen. Die ersten davon praktisch im Augenblick des Urknalls, wie Hoyle ihn ironisch nannte. Fragt eure Physikbücher oder schaut im Internet nach, wie lange es gedauert hat, bis die ersten Teilchen entstanden sind. Aber ihr versteht die Einheiten sowieso nicht. Viel zu klein, viel zu groß. Das hat natürlich mit eurer eigenen Struktur zu tun. Mit dem Tellerrand, wie ihr sagt. Die Suppe schwappt leicht drüber, euer Blick nie. Ein Scherz, meine Lieben, ihr nehmt ihn mir nicht übel.
Der Urknall liegt mehr als 13 Milliarden Erdenjahre zurück. Schon nach einer Million Jahren formten sich aus kollabierenden Gaswolken die ersten Sterne und Galaxien und in der Folge alle schweren Elemente. Seither ein ständiges Expandieren, Wachsen und Vergehen – ein ständiges Entstehen kosmischer Strukturen, Sonnen und Planeten – alles aus jenem ersten Blitz heraus, alles aus jenen frühen Materiestrukturen, die schließlich auch eure Erde schufen, alles aus der bauenden, bildenden Energie der allerersten Sekunde.
Die gleiche bauende Energie, die auf der nächsten Ebene die biologische Evolution einleitete und mit ihren Elementen zu den sonderbarsten, verstiegensten Formen führte, in jüngster Vergangenheit, an diesem Ort, verstieg sie sich zu euch und zu eurem Bewusstsein… In diesem Sinn seid ihr nicht fremd, sondern Teil, nicht außen stehend, sondern Produkt der formenden Kraft. Auch wenn die langen Zeiträume euer Vorstellungsvermögen hoffnungslos überlasten.
Und täuscht euch nicht über die Natur eures Bewusstseins. Es ist nichts vom Himmel Gefallenes. Es ist Bestandteil des Bewusstseins des Universums. In seinen bewussten, reflektierenden Kreaturen erlangt das Universum das Bewusstsein seiner selbst. Ihr seid also nicht nur Universum als körperliche Wesen – ihr seid als denkende Wesen auch das sich selbst bewusst werdende Universum.
Ein Teil davon. Ein eher kleiner und – wie ich sagen darf – in keiner Weise hervorragender Teil. Da gab und gibt es andere…
Womit ich zunächst zu mir komme. Ich stehe allerdings, wie erwähnt, auf der anderen Seite des Zauns. Ich bin nicht Teil des Universums. Meine Erbauer sind es. Äußerlich ähnelt ihr ihnen ein wenig. Sie entwickelten sich auf den gleichen biochemischen Grundlagen. Nur waren sie hoch intelligent. Sie schafften es, über den Tellerrand hinaus zu sehen, um bei meinem ersten Bild zu bleiben. Sie schafften es, sich als Bestandteil eines geschlossenen Systems aus dem System zu befreien. Sie überwanden die Naturgesetze dieses, eures Universums.
Vielleicht solltet ihr etwas mehr über sie erfahren. Aber davon später. Ich kenne euch seit langer, wirklich langer Zeit. Schwere Kost ist eher was für eure Mägen, weniger geeignet fürs Gehirn. Also, bis bald, ihr Lieben.

1___
Ungeheuer viele Dinge geschehen gleichzeitig. Von den Aktivitäten der kleinsten Teilchen im Mikrokosmos bis zu jenen der Milliarden Menschen, die in jeder Sekunde, bei jedem Flügelschlag des Schmetterlings, alles tun und alles verbrechen, was Vorstellungskraft sich nur ausmalen kann.

2___
In Florenz läutete die Glocke von San Lorenzo die achte Stunde. Chiara erwachte. Morgenlicht drang wie ein schüchterner, schöner Eindringling durch die Jalousien vor den hohen Fenstern. Sie wickelte sich in ihren rosa Frotteebademantel und trat auf den kleinen Balkon, der wie eine Kanzel an der grauen Steinfassade klebte, höher als viele Dächer von Florenz. Ihr Blick streifte die großen und kleinen Baudenkmäler der Stadt, das Gewirr der grau und rot schattierten Flächen, verharrte auf einem winzigen Erker, aus dessen zerbrochenem, glitzerndem Fenster eine Taube ihren Kopf reckte und die Morgenluft atmete wie sie. Sie lächelte, als sie sich umwandte und in die Küche ging, um die Espressomaschine einzuschalten. Auf einige Scheiben Stangenweißbrots verteilte sie, was der Kühlschrank hergab. Schafkäse und salzige, schwarze Oliven. Sie war seit Tagen nicht zum Einkaufen gekommen. Nach dem Frühstück ließ sie heißes Wasser in die Wanne laufen. Freistehend auf Greifenklauen, emailliert, vielfach ausgebessert. Eine Antiquität. Maria Theresia war belächelt worden wegen ihrer Marotte, regelmäßig zu baden. Eine fortschrittliche Frau, bei allem spanisch starren Zeremoniell ihres Hofes.
Chiara döste mit geschlossenen Augen im dampfenden Wasser, ein feines, formvollendetes Gesicht mit makelloser Haut, den Kopf umrahmt vom dunkelblonden Fächer ihrer dichten Locken.
Die kaiserliche Wanne. Das Eingießen des Wassers durch kaiserliche Diener in strengen Uniformen. Der strenge Geruch. Alles roch viel strenger.
„Öffnet die Fenster!“
Eine helle Frauenstimme, erhaben über Arroganz und Widerspruch. Frische Luft. Ein Wink. Bis auf die Zofe verlassen alle den Raum unter tiefen Verneigungen. Die Zofe hilft beim Entkleiden. Sie hilft beim Einstieg in die Wanne.
„Geh jetzt.“
Endlich allein. Eine Fliege ist durchs offene Fenster geflogen und leistet Gesellschaft. Sie landet auf dem Wannenrand. Gefällt der Fliege, was sie sieht? Weiße kaiserliche Haut über kaiserlich gerundetem Fleisch? Darf sie das sehen?
Sieht nicht ein jeder irgendwann, was irgendwer einmal gesehen hat?
Eine blitzschnelle kleine Hand, schneller sogar als die Fliege, zuckt hoch und fängt das Insekt, bevor es fliehen kann. Die kleine Faust senkt sich mit ihrem Gefangenen unter die Wasseroberfläche. Sie hat kleine Spalten zwischen den Fingern, die für die Fliege wie dicke Gitterstäbe sind. Sie gleitet über kaiserliche Rundungen, Wölbungen und Höhlungen. Über intimste Kaiserlichkeit. Wird irgendwann ein jeder sehen, was irgendwer gesehen hat?
Ein helles kaiserliches Lachen. Die Faust schnellt hoch, mit einem Schlenkern der weißen Hand wird die Fliege weggeschleudert. Auf zitternden Beinen steht sie, mit nassen verklebten Flügeln, die Facettenaugen schwarz und dunkelviolett.
Chiara tauchte ihren Kopf mehrmals unter und strich sich mit der Hand das Wasser aus dem Gesicht. Die Bilder ihrer Tagträume gerieten ihr in letzter Zeit allzu genau. Sie verselbständigten sich. Hatte sie eben mit den Augen der Kaiserin gesehen oder mit denen der Fliege? Das Gefängnis der kleinen, weißen Faust von außen und von innen? Manches war so eindringlich, dass sie sich dem Gefühl, es wirklich gesehen zu haben, nicht entziehen konnte. Sie sah mit den Augen einer toten Kaiserin und mit den Augen einer toten Fliege. Und die seltsame Frage?
Sieht nicht ein jeder irgendwann, was irgendwer einmal gesehen hat?
Chiara Fontana war eine nüchterne Historikerin ohne Hang zum Übersinnlichen. Aber konnte etwas, das sie so überzeugend mit ihren Sinnen wahrnahm, übersinnlich sein? Oder nur eine ziemlich ausgefallene Art, verrückt zu werden? Sie würde mit ihrem Vater darüber sprechen.

3___
In dem Moment, als sie aus der Wanne stieg und sich im Schein der Morgensonne abtrocknete, war es Nacht in Kalifornien. Tiefste, sternenlose Nacht. Die Scheinwerferkegel zweier knapp hintereinander fahrender Autos durchbohrten die Schwärze. In rascher, monotoner Folge beleuchteten sie nackten Fels, zerfallene Straßenbegrenzungen und die scheinbar endlose Leere der Schlucht. Der hintere Wagen leuchtete auch in den vorderen. In eine silberfarbene Limousine mit drei groß gewachsenen Männern auf dem Rücksitz. Der Beifahrersitz war leer.
Der mittlere Mann hieß Fred Miller. Von Beruf Undercover-Agent der Narcotic Squad Los Angeles. Er hätte ohnmächtig sein müssen. Was von seinen grausam zugerichteten Beinen übrig war, steckte in einem alten, leeren Farbeimer, der sich langsam, wie eine primitive Wasseruhr, mit seinem Blut füllte.
Er wusste, dass es sich um seine letzte Fahrt handelte. Er wusste, dass ihn nicht einmal ein Wunder retten konnte. Dazu waren seine Verletzungen zu schwer. Und in dieser gottverlassenen Wildnis geschahen keine Wunder. Niemals. Dennoch, so seltsam das klang in seiner Situation, gefoltert von rasenden Schmerzen, dennoch wollte er jede verbleibende Sekunde bewusst erleben. Er klammerte sich an jede wache Sekunde. Er brauchte diese Sekunden, um sie mit seinem grenzenlosen Hass auf den Verräter zu tränken. Denn sie hatten ihm gesagt, dass er verraten worden war – und von wem. Einen klaren Gedanken konnte er nicht mehr fassen. Doch ganz tief in seinem Inneren, aus dem das Leben langsam entwich, glaubte er fest daran, dass diese hasstriefenden Sekunden irgendwie, auf eine nicht näher erklärbare Art, ihn selbst überdauern würden. Sie würden überdauern und irgendwann ihr vernichtendes Werk tun. Irgendwann, wenn die Zeit der Rache gekommen war.
4___
Olivia, die keine Ahnung vom Sterben Fred Millers hatte, wälzte sich währenddessen in ihrem Bett. Mike ging ihr nicht aus dem Kopf. Trotz allem. In den Nächten fühlte sie sich schwach. Die einsamen Nächte von L.A. Sie schlief nicht gern allein. Sie sehnte sich nach seinen Händen und schämte sich ihrer eigenen. „Verdammter Bastard!“, stöhnte sie. „Du verdammter Bastard!“

5___
Im gleichen Augenblick, zweitausend Kilometer weiter östlich, Reisehöhe 30.000 Fuß. Die erste Klasse kaum besetzt. Lynx sah auf seine Uhr. Gleich nach dem Start hatte er Kaffee bestellt und der Stewardess 300 Dollar Trinkgeld gegeben. Sie hatte ihn lachend auf den vermeintlichen Irrtum aufmerksam gemacht. Er hatte sie mit seinen kühlen, blauen Augen angesehen, bis sie verstummte.
„Es ist nichts los heute“, hatte er dann leise gesagt. „In einer Stunde schlafen alle. Sie gefallen mir. Ich zahle Ihnen dreitausend. Seien Sie pünktlich.“
Das Lächeln der Stewardess erlosch, aber die 300 Dollar behielt sie. Lynx lag entspannt in seinem komfortablen Sessel. Er war mittelgroß, schlank und durchtrainiert, viele Frauen fanden ihn attraktiv. Die Stewardess glitt im Halbdunkel der leeren Sitzreihe neben ihn. Ein bisschen früher als erwartet.
„Es ist wirklich nichts los“, flüsterte sie nervös. „Wollen Sie mir tatsächlich dreitausend Dollar geben?“
Er nahm ein Päckchen neuer Hunderter aus der Tasche und hielt es ihr hin. Sie zählte sie oberflächlich und verstaute sie dann in der Seitentasche ihrer Uniformjacke. Seit den beinharten Sparrunden der vergangenen Jahre bedeuteten 3.000 Dollar auch für eine Stewardess schönes Geld. Trotzdem hätte sie bis vor 60 Minuten nicht im Traum daran gedacht, sich deshalb zu prostituieren. Aber er war ja auch ein attraktiver Mann. Fast wäre es ihr lieber gewesen, wenn er ihr nichts geboten hätte. Fast.
„Und jetzt?“, fragte sie. Er sagte es ihr.
Lynx erwartete viel und bekam es. Er war ziemlich sicher, dass sie nie erfahren würde, dass es sich um Falschgeld handelte. Nur ein erstklassiger Fachmann könnte die Blüten erkennen. Und wenn … Würde sie etwa jemandem anvertrauen, wie sie sie verdient hatte?
Während die Stewardess mit der gefüllten Jackentasche und ihrem frisch gepuderten Gesicht bereits wieder im Cockpit Kaffee servierte, kippte der Wagen, in dem nur noch der strebende Fred Miller saß, gerade über die Straßenkante in den Abgrund. Als er Dutzende Meter tiefer ein letztes Mal aufschlug und in Flammen aufging, schlief Lynx bereits. Ruhig und unbeirrt flog die Boeing Richtung Osten, der aufgehenden Sonne entgegen.

6___
Noch etwas geschah genau zur gleichen Zeit. Dr. Ernst Vanetti, 37, bewegte seinen gleichaltrigen Volvo 164 mit fast 60 Stundenkilometern über die Südautobahn Richtung Wien. Es war Sonntagmorgen, wenig Verkehr. Sonst hätte er sich das Tempo auch nicht zugetraut. Andere Autos, die mit doppelter bis dreifacher Geschwindigkeit an ihm vorüber brausten, nahm er kaum wahr. Sie gehörten nicht zu seiner Welt. Seine Welt umfasste 60 km/h und einen Wagen aus richtig dickem Blech. Ein Panzer aus Schwedenstahl. Darauf fußte seine geringe Hoffnung, diese Autofahrt irgendwie zu überleben. Vanetti fuhr sehr konzentriert. Er kam von Gerda, seiner Sekretärin im astronomischen Institut, die ein kleines Haus in der Nähe von Baden besaß und eine große Schwäche für Männer. Was Frauen anging, zeigte sich Vanetti nie ängstlich. Aber jetzt fuhr er zurück in seine Wohnung im neunten Bezirk. Die akute Bedrohung durch die extreme Geschwindigkeit auf der Autobahn drängte andere Bilder noch zurück. In seinem Hinterkopf lauerten sie schon. Die Bilder dicht verparkter, enger Innenstadtstraßen, wütend bimmelnder Straßenbahnen und hupender, drängelnder Rowdies hinterm Steuer. Keiner von denen begriff, was es für ihn bedeutete, diesen mörderischen Dschungel aus Kreuzungen, Einfahrten, Ausfahrten, Ampeln, Zebrastreifen, Haltestellen, Fußgängern, monströsen Bussen, Radfahrern, Mopeds und unendlich vielen Personenwagen mit beinahe 30 Sachen zu durchqueren. An besonders gefährlichen Stellen auch deutlich langsamer.
Hätte Vanetti gewusst, was die nahe Zukunft für ihn bereit hielt, wer weiß – vielleicht hätte er das Gaspedal durchgedrückt und kurz entschlossen den nächsten Brückenpfeiler anvisiert.

Alle Bezugsquellen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*
Webseite