Dicke Liebe – Irrwitzige Kriminalstories

Leseprobe

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Das Sorgenkind

Steve Mac More war der netteste junge Mann, den man sich vorstellen kann. Als Pfadfinder hatte er sich nie mit einer guten Tat pro Tag begnügt. Immer verübte er mindestens drei davon. Unentwegt schleppte er die schweren Einkaufstaschen alter Damen, ungeachtet der Jahreszeit trug er Kohleneimer vom Keller auf den Dachboden, führte Hunde aller Rassen zum Spazieren und kleine Kinder über jede Kreuzung der Stadt. Steve tat seiner Mutter nicht nur zum Muttertag alles Liebe an, er tat es auch an allen anderen Tagen. Steve grub einmal monatlich den Garten um, mochte da wachsen was wolle. Steve schnitt alle Hecken im Viertel bis sie durchsichtig waren wie Fensterglas. Steve traktierte mit seinem Mäher die Wiesen bis auf die Wurzeln. Steve rettete Nichtschwimmer, war Vorzugsschüler und machte die Hausaufgaben seiner Kameraden. Steve betrieb jeden Sport, achtete aber darauf nicht immer zu gewinnen, weil er die Schwächeren nicht kränken wollte. Steve sittete Babys im Detail und en gros, ohne dafür jemals einen Schluck aus williger Mutterbrust zu nehmen. Er sammelte für karikative Zwecke, sang im Gemeindechor, verehrte den Präsidenten und besuchte ekstatisch applaudierend alle christlichen Veranstaltungen landauf, landab.
Es war schlicht unmöglich, von Steve Mac More nicht eingenommen zu sein. Und doch strich ein kollektives Aufatmen durch den Ort, als er denselben endlich verließ, um ein Studium zu beginnen.
Die Nachrichten, die von der Hochschule nach Hause drangen, ließen weiterhin das Beste befürchten. Steve rettete einem Nichtschwimmer das Leben, Steve gewann die Medaille für Fairness im Sport, Steve wurde Jahresbester, Steve organisierte Hilfe für den Tierschutzverein, Steve rettete noch einem Nichtschwimmer das Leben. Seine Eltern dachten daran, einen Psychiater zu engagieren. Aber bevor es soweit kam, beendete Steve das Studium in Rekordzeit, natürlich versehen mit den höchsten Auszeichnungen. Zur Freude der aktiven Nichtschwimmer und aller anderen Hochschulstadtbewohner kehrte er in seinen Heimatort zurück.
Steve wurde Sozialarbeiter, seine Mutter begann zu trinken. Steve gründete ein Heim für entflogene Papageien, sein Vater trieb sich in üblen Vierteln herum. Dabei musste er zur Kenntnis nehmen, dass es in dem friedlichen Städtchen gar keine üblen Viertel gab. Das schmälerte seine Verbitterung nicht, im Gegenteil. Er machte sogar eine Eingabe an den Gemeinderat. Ziel der Eingabe: Schaffung eines üblen Viertels. Steve sang im Kirchenchor, rettete einem Nichtschwimmer das Leben und führte, nun als Sozialarbeiter, kleine Kinder über Kreuzungen. In seiner Freizeit schleppte er alte Damen, Hunde und Einkaufstaschen durch die Straßen. Alle stöhnten.
Die Bannisters lebten außerhalb der Stadt auf einem kleinen Hof. Sie waren noch nicht lange in der Gegend. Genaugenommen trafen sie nur drei Tage vor Steves Rückkehr ein, aber wo immer sich die Bannisters drei Tage aufhielten, sah es aus, als ob es schon ebenso viele Jahre gewesen wären.
Niemand wusste, woher sie gekommen waren oder wovon sie lebten. Gegen Arbeit waren sie allergisch und auch sonst schien ihr Gesundheitszustand zufriedenstellend. Jedenfalls mangelte es ihnen an nichts im Angesicht Gott Konsums und das lieferte Stoff für allerlei Gemunkel.
Den ersten Kontakt zwischen Steve und den Bannisters stellte John Bannister her. John war ein aufgeweckter Junge von zwölf Jahren, ein Spezialist im Umgang mit der Gummiband-Schleuder. Steve trug gerade einen mit Flaschen gefüllten Einkaufsbeutel für Frau Huber, als ein Kieselstein mit großer Geschwindigkeit seinen Handrücken traf. Der akute Schmerz ließ ihn zusammenzucken und den Beutel zu Boden fallen. Mehrere Flaschen gingen zu Bruch. Am aufsteigenden scharfen Geruch merkte er, dass Frau Huber Milch mit Gin verwechselt haben musste. Und das, obwohl beides im Laden weit voneinander entfernt angeboten wurde. In Steve, der das Laster des Trinkens wie alle anderen Laster zutiefst verabscheute, keimte ein böser Verdacht. Zugleich glomm Freude in ihm auf. Dieser Junge da, der war doch das ideale Objekt sozialer Fürsorge. Der brauchte die Zuwendung eines engagierten Betreuers, das lag auf der Hand. Wie zur Bestätigung traf ein zweiter Stein Steves Kniescheibe. Das Objekt sicherte seinen Rückzug. Frau Huber hatte das Glück, den Namen des Jungen zu kennen. Das rettete sie vor einer Strafpredigt, denn Steve humpelte umgehend zum Rathaus, um die Adresse seiner Zuwendung auszuforschen. Frau Huber dankte Gott dafür und eilte in Begleitung der heilgebliebenen Flaschen heimwärts. Es war die rechte Zeit für ein Trankopfer, dachte sie.
Am nächsten Tag lenkte Steve seinen Wagen durch die hölzerne Einfahrt des Bannisterhofes. Und blieb erst einmal erschüttert sitzen. Das Haus, eine Art großer Holzbaracke mit verfallender Veranda, befand sich in üblem Zustand. Der Platz davor hatte sich aus irgendeinem Grund in einen Morast verwandelt. Vielleicht lag es an dem undichten Wasserhahn, der an einem verbogenen Bleirohr aus der Erde ragte. Zu Steves vielen Leidenschaften zählte das Polieren von Autos. Mit mildem Entsetzen registrierte er darum, dass der alte Cadillac der Bannisters bis zu den Radkappen im Schlamm stand. Gleich darauf begriff er, dass es ihm selbst nicht besser ging. Und irgendwie sollte er nun vom Wagen zur Veranda gelangen. Steve begann darüber nachzudenken, ob der Junge seiner Fürsorge wirklich so sehr bedurfte. Das Klirren von Glas rechts vorne beantwortete die Frage. Ohne Zweifel war eben ein Scheinwerfer zu Bruch gegangen. Hinter einem Busch tauchte John Bannisters Gesicht auf. Er grinste von einem Ohr zum anderen. Seufzend betrachtete Steve seine feinen Wildlederschuhe. Dann stieg er aus und stapfte zur Veranda. Auf halbem Weg schlug das Schicksal erneut zu. Er würde sein Ziel nur mit einem Schuh erreichen – bestenfalls, sollte man sagen. Das gelang ihm. Mit einem Schuh und einem ehemals weißen Socken stand er vor der Haustür. Von hier aus war deutlich zu sehen, wie man trockenen Fußes zum Cadillac gelangte. Steve hätte nur ein bisschen weiter links parken müssen. Zunächst verhallte sein Klopfen ungehört. Als er es fester versuchte – denn schließlich stand hier ein Wagen und nie würde ein Bannister zu Fuß gehen, wenn er ein Maultier, ein Pferd oder eben einen Cadillac besaß – drang eine Mädchenstimme rund ums Haus oder übers Dach oder auf beiden Wegen zugleich zu ihm.
„Wir sind hinten!“ rief die Stimme. „Gehen Sie links herum!“
Steve tat es. Dabei kam er zu der Überzeugung, dass der Morast vor dem Haus ausschließlich für die Steve Mac Mores dieser Welt reserviert war. Kein Bannister hatte ihn jemals beachtet oder gar durchquert. Dann stand er vor der Rückseite des Hofes, die eigentlich seine Vorderfront war. Diese Veranda hier befand sich in gutem Zustand, bis zu den Büschen im Hintergrund streckte sich eine Blumenwiese, ein wenig verwahrlost und sehr bunt; eine Wiese, die noch nie die scharfen Messer des Motormähers gefühlt hatte. Im Schatten der Veranda saß ein Mann. Er trug ein Unterhemd und eine dünne Leinenhose und hielt eine Bierdose in der Hand. Er hatte den gelassenen, ruhigen Blick eines Menschen, der sein Leben führte wie man eine Partie Karten spielt, von der man genau weiß, dass man sie nicht verlieren kann. Ich will damit sagen, dass er jede Karte kannte und jeden möglichen Spielzug seiner Gegner schon im Voraus wusste, ehe er denen überhaupt in den Sinn kam.
Der Mann betrachtete ihn eine Weile mit diesem ruhigen Blick und sagte dann: „Sie sind, scheint’s, ein sparsamer Bursche. Gehen aus mit nur einem Schuh.“
Steve wurde rot und schwieg. Wie sollte er einem Bannister auch erklären, dass sein anderer Schuh im Morast vor dem Haus steckte, den er völlig unnötigerweise durchwatet hatte. Irgendwo kicherte jemand fröhlich, kicherten zwei Mädchen fröhlich. Suchend blickte er sich um. Sie lagen am Rand der Wiese im Schatten eines gelb blühenden Strauchs. Vorhin waren sie ihm nicht aufgefallen, weil er genug im Kopf hatte wegen seines Auftritts mit einem Schuh. Jetzt hätte er nicht einmal mehr gewusst, was ein Schuh überhaupt war – wenn ihn denn jemand danach gefragt hätte. Die Mädchen waren siebzehn oder achtzehn, offensichtlich Zwillingsschwestern. Und sie trugen keinen Faden Stoff am Leib. Sie winkten Steve zu und Steve begriff erstmals so richtig, dass nicht einmal weibliche Babys mit der dazugehörigen Wäsche auf die Welt kommen und sich sogar später noch selbst anziehen müssen – oder eben nicht. Natürlich hatte er das alles schon vorher geahnt, aber es war nie erforderlich gewesen, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Es war die bequemere Variante gewesen, gerade das nicht zu tun. Von nun an würde er jedoch häufig daran denken müssen, das war ihm auf der Stelle klar. Der kleine John rettete die Situation. Ein Kiesel traf Steves Schienbein. Die Tränen, die ihm in die Augen schossen, entschärften das Bild und sonst noch einiges.
Der Mann im Unterhemd war Sam Bannister (sein Name zu dieser Zeit an diesem Ort), die Mädchen und der Spezialist für Schleudern waren seine Kinder. Steve räusperte sich. Sam leerte die Bierdose und warf sie zu einem Haufen anderer. Ob Zufall oder nicht – dort reihte sie sich in ein System, das überraschend der eindrucksvollen Sitzordnung des Senats entsprach. Steve kannte sie gut von den zahllosen vaterländischen Fotos, die er sammelte. Der Anblick dieser leeren Bierdosen bewirkte in ihm jedenfalls eine tiefe patriotische Wallung, die ihm die Kraft gab, seinen Blick endgültig von den nackten Jungfrauen (ach Steve!) ab- und Sam Bannister zuzuwenden. Mit aller Würde, die ein Mann mit nur einem Schuh und Tränen in den Augen in Anwesenheit des Senats aufbringen kann, fragte er: „Mr. Samuel Bannister?“
Sam öffnete eine frische Dose.
„Wollen Sie was verkaufen?“
„Aber nein!“
„Hat Sie jemand beauftragt, einen gewissen Samuel Bannister ausfindig zu machen? Einen Mann eines Namens, der mir vollkommen unbekannt ist?“
„Durchaus nicht“, versicherte Steve in wachsender Verwirrung.
„Gut. Ich bin Sam Bannister.“
„Aber eben sagten Sie doch …“
Sam winkte ab.
„Die Welt ist voll von Neidern, mein Lieber. Wer sich vor ihnen nicht zu schützen weiß, den zerfleischen sie wie einst Harry Bingle.“
„Wer ist Harry Bingle?“
„Sie kennen ihn nicht? Nun, er war der aufrechteste junge Mann, den man sich vorstellen kann. Das war sein Verderben.“
„Aber weshalb denn?“
„Der Neid, mein Lieber, der Neid. Und die Unverträglichkeit der Art. Ein Schaf kann in einem Wolfsrudel nicht lange überleben, selbst wenn es mit den Wölfen aufgewachsen ist. Noch nicht einmal, wenn die Wölfe es sympathisch finden. Bei den Menschen ist es ebenso. Harry Bingle war zu sehr aus der Art geschlagen.“
„Ach ja?“
„Ja. Die Menschen überschätzen ihren Verstand und unterschätzen ihre Instinkte. Der Instinkt sagt ihnen, dass Harry Bingle nicht zu ihnen passt. Harry Bingles sind entweder gefährliche Heuchler oder – noch schlimmer – echte Heilige. In beiden Fällen muss die Gesellschaft sie ausstoßen, wie das Wolfsrudel sich früher oder später vom Schaf trennen wird. Gewöhnlich verzehren sie’s. Aber Sie sind bestimmt nicht durch den Sumpf gegangen, damit ich Ihnen von Harry Bingle erzähle, was?“
„Ich weiß nicht, nein, wahrscheinlich nicht“, sagte Steve. Er war ziemlich durcheinander. „Ich heiße Harry, ach Unsinn, Steve Mac More. Ich bin Sozialarbeiter. Ich wollte mit Ihnen über Ihren Jungen sprechen.“
Mit Sam Bannister ging eine erschreckende Verwandlung vor sich. Eben noch ruhig wie der Mond über dem chinesischen Meer, fuhr er auf, als hätte er eine Nadel im Hintern stecken. In seinen Augen tobte unbezähmbarer Zorn.
„Was hat der verdammte Kerl angestellt? Nein, sagen Sie nichts!“
Er musterte die Büsche, die jenseits der Wiese so dicht standen wie eine Mauer, deutete auf einen davon und brüllte: „John! Sofort hierher!“
Tatsächlich teilten sich die Zweige und John Bannister schlenderte heran. Die Schleuder ragte aus seiner Hosentasche.
„Teufelsbraten!“ donnerte Sam Bannister. „Ein Segen, dass deine Mutter das nicht mehr erleben muss! Eines Tages endest du am Galgen. Aber vielleicht ist’s noch nicht zu spät. Bring mir die Peitsche!“
Siedend heiß schoss das Blut in Steves Kopf. So hatte er sich seine Rolle nicht vorgestellt. Er der Anlass dafür, dass dieser Mann, außer sich vor Wut, beinahe nicht mehr bei Sinnen, den armen Jungen auspeitschte, dem Steve schließlich helfen wollte.
„Mr. Bannister, ich glaube …“
„Schweigen Sie!“ tobte Bannister. „Ich weiß, was ich tue. Wo ist die Peitsche, verdammt!“
John brachte sie. Sein Vater riss sie ihm aus der Hand. Wie ein Rachegott stand er da und mit göttlicher Gewalt sollten die Blitze gleich den Jungen treffen.
Steve konnte nicht anders.
„Hören Sie endlich zu, Mr. Bannister“, sagte er fest. „John hat ja gar nichts getan.“
Bannister ließ die Peitsche sinken, nahm einen Schluck aus der Dose und fragte: „Ja dann, was wollen Sie eigentlich? Lassen Sie mich raten. Sie sind Sozialarbeiter, sagen Sie. Wie hoch ist das Budget, das Sie verwalten?“
Eine Stunde später saß Steve wieder im Wagen. Seine Gedanken überstürzten sich. Eigentlich waren es nur Gedankenfetzen, die zusammenhanglos wie sturmzerzauste Wolken mit großer Geschwindigkeit durch sein Bewusstsein trieben.
Er hatte einen stattlichen Scheck bei den Bannisters zurückgelassen. Mehr als er für soziale Härtefalle ohne Zustimmung seines Vorgesetzten ausgeben durfte. Waren die Bannisters ein sozialer Härtefall?
Er brauchte einen neuen Scheinwerfer und ein neues Stopplicht. John hatte sich auf seine Art verabschiedet.
Eines der Mädchen hatte ihn kräftig umarmt, nackt wie es war, und ihm einen Kuss gegeben. Die andere hatte ihm, ebenfalls nackt, den besten Weg zu seinem Wagen gezeigt Es war unvermeidlich, dass sie voranging.
Und im Hintergrund spukte Harry Bingle, das Schaf im Wolfsrudel, Heuchler oder Heiliger – jedenfalls aus der Art geschlagen!
In diesem Zustand nahm Steve dem Pfarrer die Vorfahrt und zeigte ihm einen Vogel, weil der Pfarrer ihm einen Vogel zeigte. Dazu murmelte er ein Schimpfwort, das er bis jetzt nicht gekannt hatte. Er verspürte dabei ein seltsames, aber sehr angenehmes Gefühl. Aus reiner Neugier hielt er vor einer Bar. Und mit nur einem Schuh betrat er sie, um das erste Bier seines Lebens zu trinken.
Lähmende Stille herrschte in der Stadt. Alles hielt gespannt den Atem an. Tags darauf ging Steve am See spazieren, um den Dunst verschiedener Bars und Getränke loszuwerden. Er sah sehr nachdenklich aus. Tatsächlich war er so in Gedanken versunken, dass er den Nichtschwimmer, der nur zwanzig Meter entfernt absackte, völlig übersah. Acht Zeugen beschworen es. Der Kopf des Mannes kam noch mehrmals an die Oberfläche, er schlug um sich und machte einen ziemlichen Lärm, doch Steve Mac More sah über ihn hinweg in die Feme, wo die Sonnenstrahlen wie glänzende Finger über die Flanken der Blauen Berge strichen. (Einer der Zeugen hatte eine poetische Ader). Um es kurz zu machen: In Steves nächster Nähe ertrank ein Nichtschwimmer, ohne dass er davon auch nur Notiz genommen hätte! So etwas wie heimliche Vorfreude breitete sich aus in der Stadt. Eine Stimmung wie vor Weihnachten – nur dass noch niemand wusste, ob die Weihnachtsüberraschung wirklich stattfinden würde. Zum ersten Mal seit Monaten blieb Steves Mutter den ganzen Vormittag lang nüchtern.
Während der nächsten Tage tat sich eigentlich nichts und doch war alles anders. Mutterseelenallein überquerten Kinder die gefährlichsten Kreuzungen, alte Damen jammerten über die Last ihrer Einkäufe, den Hecken wuchsen neue Triebe. Aber dann ging es Schlag auf Schlag. Steve behob eine beträchtliche Summe vom Konto seiner Behörde und machte Einkäufe. Die Waren, die er kaufte: spitzenbesetzte Unterwäsche, kartonweise Dosenbier, verschiedene Weine, Liköre und Schnäpse, fünf hohe Tüten voll Delikatessen, zwanzig faustdicke Steaks, zwei Kartons Süßigkeiten, Aufputschtabletten, Seidenstrümpfe, ein extrastarkes Gummiband, glänzende Magazine mit glänzenden Nacktfotos, wasserdichte Stiefel, einen Käfig für betrunkene Wanzen, hellblaue Strapse und Handschellen für Holzwürmer.
Das lud er alles in seinen Wagen, sagte dem Chef, er solle die nächsten Tage besser nicht mit ihm rechnen und brauste ab. Jemand schlug vor, das Feuerwerk jetzt schon abzubrennen, aber die Besonnenen meinten, es stehe gut, aber noch sei die Sache nicht gelaufen.
Vier Tage danach kam Steve in die Stadt zurück. Die Schlammspuren an seinen Reifen reichten bis zu den Radkappen. Er hatte Ringe unter den Augen, um die ihn der Saturn beneidete und eine Fahne, mit der Christo ganz Amerika hätte einpacken können. Er sah zufrieden aus. Neben der Frau des Bürgermeisters, die sich mit einem platten Reifen plagte, blieb er stehen, krächzte: „Verdammtes Pech, was?“ und fuhr weiter. An der Bushaltestelle stand ein Dutzend Leute, vor der Haltestelle stand eine tiefe Lache vom letzten Regen. Steve musste zwar gefährlich nahe an den Randstein, aber er fuhr mit Vollgas durch. Damit war klar, dass es endgültig geklappt hatte. Steves Mutter erlitt eine Vision, sein Vater einen Freudenschlag. Die gewöhnlichen Bürger begnügten sich mit dem Dankgottesdienst. Der Bürgermeister und sein Stellvertreter fuhren zu den Bannisters, um das vereinbarte Honorar auszuzahlen. Das Feuerwerk wurde gezündet. Denn endlich, endlich, war Steve Mac More vom bösen Fluch des Musterknaben befreit. Endlich war das Sorgenkind der Stadt herangereift zu einem normalen, durchschnittlichen, rücksichtslosen, faulen, vergnügungssüchtigen Bürger. Endlich hatten sich die Gesetze der Natur und des Wolfsrudels und der gleichen Art durchgesetzt. Endlich waren sie wieder alle von einer Sorte. Und die Gläubigen priesen den Herrn und der Verein der Nichtschwimmer eilte zum Bad. Und der Chor der Engel jubilierte: So haben wir ihn in Gottes Namen doch noch bekehrt. Teufel auch! Amen.

 

Dicke Liebe

„Gottverdammtes Vieh!“ fluchte Mac Gregor. Er lag im Bett, neben sich eine Flasche, aus der er in regelmäßigen und kurzen Abständen soff.
„Gottverdammtes Vieh!“ wiederholte er in einer Mischung aus Verachtung, Abscheu und aufgestörter Langeweile. Die Wespe, die surrend über die dreifach gesprungene Scheibe kroch, reagierte nicht darauf.
In der Küche saß Mac Gregors Frau Nelly. Sie war rosig wie ein junges Schweinchen und dick wie ein altes. Nelly aß auf ökonomische Weise ein Brötchen von der Größe eines kleinen Fußballfeldes und bebrütete nachlässig Gedankenfragmente, die sämtlich um die Frage kreisten, wie sie Mac Gregor loswerden konnte, ohne dafür allzu teuer zu bezahlen.
„Nelly!“ schrie Mac Gregor. „Da‘s‘n verdammte Wespe!“
Nelly schob gemächlich den letzten Bissen in ihren kleinen, unersättlichen Mund, ehe sie langsam ins Wohnschlafzimmer stampfte, graziös anzusehen wie ein Kugelfisch am Debütantenball der Seenadeln. Sie war beim Anziehen noch nicht über ein schwarzes Höschen, den mintfarbenen Strumpfbandgürtel und die durchbrochenen weißen Strümpfe hinausgekommen. Ihre gewaltigen Brüste rollten wie überladene Frachter in der Dünung. Nelly hatte in ihrer Bewegung entschieden etwas Maritimes. Sie griff nach einer mehrfach zusammengelegten, fleckigen Zeitung. ‚Braut kur’ prangte als Restschlagzeile unter einem halbierten Wirtschaftsartikel.
„Kur … was?“ dachte Nelly zerstreut. Die Wespe hatte das Fenster schon mehrfach entlang des rissigen Holzrahmens umrundet und schickte sich eben an, das auf ein Neues zu tun. Aus ungeklärtem Grund ließ sie dabei ihre Flügel ständig wie unmittelbar vor dem Abflug schwirren. Es war dieses Geräusch, das Mac Gregor gestört und zu seiner Intervention veranlasst hatte. Das prächtig schwarzgelb gegürtete Insekt starb den Sekundentod. Sein Trauermarsch bestand im lakonischen „Peng!“ Nellys, vorgetragen im Moment des Schlages. Mac Gregor verfolgte die Aktion und erlitt angesichts Nellys halbnackter Massen eine Anwandlung von Zärtlichkeit.
„Komm her!“ befahl er. Nelly folgte mit geringster Begeisterung. Er streichelte ihre Oberschenkel, die in wahren Fleischkaskaden, von den Strümpfen kaum gebändigt, bis zu ihren Mehrfachknien abfielen. Mac Gregor gab sich dabei alle Mühe, ein recht nettes, ehrliches, Nelly sowie der Situation gerecht werdendes Kosewort zu finden. Seine idealistischen Anstrengungen gipfelten in einer gekrächzten Einladung: „Komm‘ schon, Rollbratl.“
Nelly lächelte schwach geschmeichelt und ließ seinen Drang über sich ergehen. Viel hatte sie nicht zu ertragen. Nach einer, von seiner Seite mühsam durchschnauften Minute, zog sie ihr Höschen gelangweilt wieder hoch und kehrte in die Küche zurück. Die Zeitung nahm sie mit, in der Absicht dem Schicksal der ‚Braut kur’ nachzuspüren. Mac Gregor wandte sich gekränkt der Flasche zu, mit der ihn immerhin rein geistige Interessen verbanden, wohltuend entfernt von aller Fleischeslust und Fleischesschwäche.
Zwischen Kaffeespritzern und den Rückständen zerquetschter Wespen enthüllte sich Nelly die mutmaßliche Tragödie der Braut. “Braut kurz vor Hochzeit weg“, lautete die vollständige Schlagzeile und bestätigte, dass es die Diktion ist, die die Leitartikler unter den Schreibkünstlern hervorhebt.
Um viele gefühlvolle Details reduziert, bestätigte der Artikel den Informationsgehalt seiner Überschrift. Erweitert um die Erkenntnis, dass der Vorfall in jeder Hinsicht rätselhaft erscheine.
Bar aller Sentimentalität dachte Nelly, dass das Los der Braut – was immer der zugestoßen sein mochte – kaum schlimmer sein konnte als ihr eigenes, denn ihr war die Flucht von Mac Gregors lahmer Seite nicht rechtzeitig geglückt.
Plötzlich, mit der Heftigkeit eines Vulkanausbruchs, schossen Tränen über Nellys Wangen, netzten ihren Busen und versiegten in der Zeitung, alle gleichzeitig beweinend: Braut, Bräutigam und Redakteure, Nelly und Mac Gregor, erschlagene Wespen und verspritzten Kaffee. Der hässliche Geschirrschrank, das verwaschene Tischtuch, die vor sich hin rostende Abwasch, in der sich schmutzige Teller zu schmutzigen Türmen stapelten, sie alle waren um und in Nelly, untrennbar verbunden mit ihr und dem Mann, der nebenan im zerwühlten Bett lag, trank und schlief, eingesponnen in unentwirrbare Nebel, die seine Gedanken in die Irre gehen ließen wie Kinder im nächtlichen Märchenwald.
Nelly tröstete sich mit einem doppelt belegten Fußballfeld-Brot. Eine unfertige Idee, die Ahnung eines noch fernen Gedankens, etwas also kaum Greifbares begann ihr Gehirn zu beschäftigen, während sie mechanisch abbiss, kaute und schluckte. Irgendwie hatte der unstete Gedankenembryo mit der verschwundenen Braut zu tun. Als Nelly die Assoziation endlich zu fassen bekam, erschauerte sie im zwiespältigen Gefühl des Entsetzens und Entzückens bis in die äußersten Wülste ihres Leibes, die darunter wie weiches Aspik erzitterten. Die Assoziation, im Grunde einfach, weitreichend jedoch in ihren Konsequenzen, stellte sich im Ergebnis als Schlussfolgerung dar. Der Schluss lautete: Wenn es möglich ist, dass eine Braut unmittelbar vor der Hochzeit verschwindet, müsste eigentlich auch das Verschwinden eines Ehemannes nach derselben möglich sein. Und gerade darauf zielten Nellys sehnlichste Wünsche ja ab. Doch zwischen Wunsch und Wirklichkeit klaffte ein tiefer Abgrund. Wer konnte die Brücke schlagen außer Nelly? Mac Gregor zur Mitarbeit zu bewegen war ein hoffnungsloses Unterfangen. Ihm genügten sein Bett und Nellys Pflege, aber wie bei jeder auf engste Verhältnisse beschränkten Welt, war ihm beides auch vollkommen unverzichtbar. Selbst zu verschwinden – das schied Nelly aus. Die kleine Wohnung war in all ihrer Schäbigkeit alles was sie besaß. Nelly verfügte über genügend Selbsterkenntnis, um zu wissen, dass sie, verlöre sie diesen einzigen Halt, rasch bis zum Elend der Straße herabsinken würde, vermutlich in der Obhut noch weit schlimmerer Mac Gregors. Die Wahl zwischen dem Verzicht auf ihn und dem auf ihre Wohnung stellte sich ihr darum gar nicht.
„Nelly!“ plärrte Mac Gregor aus dem Hintergrund, „Bring‘ wassu trink‘n!“
Auf Mac Gregor zu verzichten war unzweifelhaft ein Verzicht mit dem inneren Wesen eines Gewinns. Blieb das Problem, wie seine eindeutig unerträgliche Gegenwärtigkeit in eine ebenso eindeutige und endgültige Abwesenheit umzuwandeln war.
„Da ‘s schon wieder so‘n gottverdammte Wespe!“ brüllte Mac Gregor. „Wo ‘s ‘n die Flasche, du fettes Aas?“
Wieder überfiel Nelly eine Assoziation, diesmal mit der Wucht einer göttlichen Eingebung, wenngleich es sich schwerlich um eine des Gottes der Liebe handelte. Sie entkorkte die vorletzte Schnapsbuddel, streifte einen Lederhandschuh über ihre linke Hand, und betrat leise das Schlafzimmer. Mac Gregor hatte die Augen geschlossen und summte eine jener Melodien, die in seinem Kopf auftauchten und verschwanden gleich flüchtigen Phantomen. Nelly wandte sich zum Fenster und eröffnete den stummen, zähen Kampf mit der Wespe, die sich partout nicht von ihren plumpen Fingern ergreifen und in den schlanken Flaschenhals zwingen lassen wollte.
„Die Flasche!“ brüllte Mac Gregor, ohne die Augen zu öffnen. Er glaubte Nelly immer noch in der Küche. Im selben Moment gelang ihr das ebenso wespen— wie Mac-Gregor—verachtende Vorhaben, aber sein Schrei erschreckte sie so sehr, dass ihr der glatte Glaskörper beinahe entglitten wäre, was nicht nur alles zunichte gemacht, sondern auch Mac Gregors unheiligen Zorn heraufbeschworen hätte. Irgendwie bekam sie die Flasche doch noch zu fassen. Vor Aufregung am ganzen Körper bebend, trat sie ans Bett.
„Da!“
Die Wespe unternahm verzweifelte Versuche, sich aus der scharfen Flüssigkeit zu befreien. Wie Nelly es erwartet hatte, blinzelte Mac Gregor lediglich halbblind nach dem Ziel seiner Wünsche, drückte es entschlossen gegen seine Lippen und ließ den Fusel ohne zu schlucken in seine Kehle rinnen, so wie nur technisch ausgereifte Trinker es fertigbringen. Die Wespe schwamm mit dem Strom und Nelly, vor Anspannung knallrot im Gesicht, biss fest in ihren Handrücken, um den aufsteigenden Schreckensschrei zurückzuhalten.
Mac Gregor setzte die Flasche ab, rülpste und sonderte weitere Laute aus, die nichts als Zufriedenheit kundtaten. Keine Rede jedenfalls von dem erhofften Stich in sein Halsinneres und dem sich daraus ergebenden, vermutlich tödlichen Erstickungsanfall. Die Wespe hatte schmählich versagt. Nelly brach ob so viel Hinterlist wiederum in Tränen aus, diesmal in solche des Zorns, und rannte aufschluchzend in ihre Küche. Mac Gregor kümmerte sich nicht darum.
Was sich in Nelly während der kommenden Stunden abspielte, ist für den braven Bürger, der sich selten in einer vergleichbaren Situation befindet, nur schwer nachzuvollziehen. Für diejenigen, die Logik und Konsequenz des Denkens wie einen Fetisch über ihr Leben gestellt haben, muss Nellys Martyrium ohnehin unbegreiflich bleiben. Wie ja ausschließlich verstandesbetonte Menschen im Begreifen niemals zur ersten Garnitur zählen, dies aber konsequenterweise nicht verstehen. Hinter Nellys Stirn tobten in völliger Aufhebung zeitlicher Zusammenhänge so gegensätzliche Empfindungen wie tiefe Enttäuschung über den Fehlschlag und nicht minder tiefe Reue über den Versuch, katastrophale Pläne bezüglich einer Wiederholung des Attentats und abgründiges Entsetzen, daran auch nur zu denken; mörderischer Hass auf die Welt und im Zentrum dieses Hasses geborgen, eine seltsam verklärte Liebe zu ihr; das erdrückende Bewusstsein der Last ihres, dem Verfall anheimgegebenen Körpers und des Fleisches als der merkwürdigsten Blüte von Seele und Geist. Sie litt die Qualen einer Heiligen auf dem Wendepunkt und beschloss (was eine Heilige bestimmt unterlassen hätte) Rosi zu Hilfe zu rufen.
Rosi war Nellys einzige Freundin, wohnte im Nachbarblock und arbeitete im selben Supermarkt wie sie. So wie Nelly vornehmlich im Lager und unter der ständigen Drohung, gekündigt zu werden. Der Leiter des Marktes erwog nämlich gelegentlich die Theorie, dass der Anblick übermäßig dicker Angestellter manchem Kunden die Lust zum Griff ins Regal vermiesen könnte.
Rosi war wenigstens so fett wie Nelly. Bereitwillig eilte sie herbei, als diese darum bat. Und Nelly, ihrer Sinne kaum noch mächtig, schüttete Rosi ihr Herz aus. Von den Schrecken des Zusammenlebens mit Mac Gregor, dem angestauten Verdruss, dem ständig drohenden Absturz in noch tiefere soziale Abgründe, dem unwürdigen Zur-Verfügung-Stellen ihres Körpers bis zu dem daraus resultierenden Mordversuch, der noch dazu misslungen war.
Rosi hatte den letzten, den ihr neuen Teil der Geschichte, mit angehaltenem Atem mit verfolgt. Jetzt trieb ihr die Erleichterung über Nellys Fehlschlag Tränen in die Augen. Gleichzeitig begriff Rosi, dass sie handelnd eingreifen musste – und zwar sofort.
Rosi trug ein ärmelloses Kleid. Sie legte ihren fetten, wabbeligen, weißen Unterarm auf den Tisch und zog eine Stecknadel aus ihrer Handtasche.
„Schau genau her“, befahl sie in beschwörendem Ton, setzte dann die Spitze der Nadel an und trieb sie langsam, Speckschicht für Speckschicht ihres Armes durchbohrend in ihr Fleisch, bis nur mehr das gelbe Glasköpfchen der Nadel über die blutbesudelte, rote Haut ragte. Nelly war paralysiert. Sie konnte ihren entsetzten Blick nicht davon losreißen. Rosi packte das Köpfchen, zog die Nadel zur Hälfte heraus und stieß sie in einem anderen Winkel wieder heftig in den Arm zurück. Da verdrehte Nelly die Augen und fiel in Ohnmacht. Rosi hatte sie immer für feige gehalten. Sie öffnete den Mund der Bewusstlosen und drückte Nellys Zunge fest in Nellys Schlund.
Der Arzt machte keine Schwierigkeiten. Hager, angesäuert und menschenfeindlich, erschien es ihm schon als unerfreuliches Wunder, dass Vetteln wie Nelly und Rosi überhaupt so lange lebten und in ihrem Ableben auch noch ihn belästigten. Er unterzeichnete den Totenschein und verschwand. Bald danach verschwand auch Nelly, die Erde schloss sich ungerührt und stumm über ihr und ihren Problemen.
Mac Gregor hatte das Geschehen träumerisch in irgendeinem Winkel seines Gehirns registriert. Es blieb jedoch verborgen in welchem Ausmaß und welche Schlüsse er allenfalls daraus zog.
„Da‘s‘n gottverdammte Wespe“ brüllte er zwischen zwei tiefen Zügen. Rosi, im durchsichtigen Nachthemd, ließ ihr Brot liegen und eilte ins Schlafzimmer. Die verstümmelte Schlagzeile ‚Braut kur’ beherrschte die gefaltete Zeitung, deren Hieb das Insekt augenblicklich tötete.
„Komm her!“ befahl Mac Gregor mit rauer Stimme. Glücklich lächelnd folgte Rosi. Er fuhr unter ihrem Hemd über ihre, wie aus Eruptionen flüssigen Wachses geformten, weißen Fleischsäulen und gurrte zärtlich, „Du weicher Saumensch du, du fetter.“
Rosi erbebte. Mac Gregor war eben wirklich ein Kerl, für den alles zu tun sich lohnte.

 

Oben links

„Oben links war der Himmel flaschengrün, darunter gelb, hellblau, birkenblaugrün und weinrot. Zwei Handbreit neben oben links verschwamm er rot-gelb-orange-blau-ocker. In der Mitte unten war er blaugrau, rechts unten braun-orange, darüber wieder flaschengrün.“
„Welches Birkenblattgrün meinst du? Birkenblätter im Frühling, im Frühsommer, Hochsommer, Spätsommer, Herbst? In welchem Klima wachsen sie? Und vor allem: In welcher Gesellschaft?“
„Nicht gerade parallel, aber doch innerhalb eines Korridors, wanden sich über diesen ganz unwahrscheinlichen Himmel dünne, weiße Wolkenwürmer. Ein halbes Dutzend Düsenjets hatten sie ins Bild gezeichnet.“
„Ich mochte Würmer nie, obwohl ich wusste, dass es ein dummes Vorurteil ist. Manchmal träumte mir von fetten, gelben Würmern, die sich von innen durch meine Haut fraßen. Sie hinterließen blutlose Löcher und Gänge in meinem Fleisch, aber keinerlei Schmerz.“
„Es war der ideale Himmel, um darunter eine Liebesgeschichte zu beginnen. Manche sagen, alle Liebesgeschichten hätten nur einen Anfang und ein Ende. Das stimmt nicht, es sei denn, man schneidet sie zurecht bis sie sich in ein Muster fügen. So: Es war einmal ein Hengst und eine Stute, auf deren Beinen dicke Schnecken krochen … Ein Stier sah eine Kuh, darüber flaschengrüner Himmel … Oder so: In dem frühlingsbirkenblättrig gestreuten Licht verschränkten sich ihre Finger zu einem Zopf …“
„Ich begann mich für Würmer zu interessieren, dann zu begeistern. Immerhin, wir teilten mein Fleisch und meine Haut.“
„Für jedes Laster sei zu haben, sagte ich meinem Liebeshimmel – er schwankte im Rückfenster eines fahrenden Wagens – mit Ausnahme des einen, dich selbst zu ernst zu nehmen.“
„Seit sie meine Zuneigung gewonnen haben, träume ich nicht mehr von ihnen. Das bedeutet für mich einen großen Verlust. Er geht über den Anlassfall hinaus, denn ich erkenne, dass dahinter ein Algorithmus steckt, der Zuneigung und Abstoßung verbindet.“
„Gerade unter dem blaugrauen Teil des Himmels lagen wir auf Latschen und schworen einander, nichts so sein zu lassen wie es war. Die Latschen rochen stark. Wir waren fest entschlossen. Seither weiß ich, dass kein Leben wäre ohne den Himmel über Latschen.“
Lovely, der gute alte Rausschmeißer, stöhnte auf.
„Euch zuhören, das ist als ob einem langsam ein Zahn gezogen würde. Bevor ich in diese verdammte Herrensauna gekommen bin, war ich in einem netten, kleinen Bordell. Das Gefasel der Mädels dort war reines Gold gegen euer Geschwätz.“
„Mir sind viele Zähne langsam gezogen worden. Es hat seinen eigenen Reiz. Was mir jedoch immer ein Rätsel bleiben wird, ist der Reiz eines Bordells. Wie können die vielen schönen Männer nur – wo es doch uns gibt?“
„Ich halt’s bei Gott nicht aus!“ murmelte Lovely und flüchtete.
„Niedlich. Er erinnert mich an wen.“
„Nach einer gewissen Zeit tun das alle. Der Nachteil der großen Zahl. Auch ihr Vorteil: In gewisser Weise kennt man alle, sogar die Unberührbaren.“
„Wie duften Latschen?“
„Würzig. Ein bisschen nach Gin, klar. Seltsamerweise aber auch entfernt nach Meer und Seetang, dem Geruch des Strandes nach stürmischen Nächten. Im Übrigen hängt es von der Feuchtigkeit des Bodens ab. Die bestriechenden Latschen wachsen auf trockenen, leicht sandigen Böden. Wenn sie nach einem Regen von der Juli-Mittagssonne beschienen werden, hältst du es beinahe nicht aus.“
Lovely erschien aufs Neue und deklamierte:

Die Sonne küsst uns
Dich und mich
Wenn wie ihr zulächeln
Wenn wir es tun
Lebt die Welt
Und die Erde bebt
Im roten Sand
Duftet das Licht.

„Ganz selten begreifen wir das Leben in seiner gesamten, alles umfassenden Dimension. Und wenn es gelingt, dann nur für einen kurzen Augenblick. Es gehört einfach zu viel dazu. Im Alltag sind die Menschen Automaten, vorausberechenbar und vorausberechnet. Ihre Handlungen, ihr Denken, ihre Gefühle, sogar ihre Kreativität und ihre Liebe – nichts als ein simples Programm, ein Abzählreim, ene mene mu und draus bist du. Fehler natürlich inbegriffen. Ab und zu dreht ein Rädchen durch. Dann wird es neutralisiert, repariert oder ersetzt. Und drauf ein tüchtiger Schluck Schmieröl und ab geht die Maschine. Mit der echten Erfahrung des Lebens hat das natürlich nichts zu tun.“
„Asche zu Asche, Staub zu Staub und so weiter. Hauptsache, die Würmer haben ihren Spaß.“
„Wir alle sind aus Sternteilchen gemacht. Der Bergkristall und mein Auge, wir haben die gleiche Geschichte. Wenn ich von der wirklichen Erfahrung des Lebens spreche, führt mich das unweigerlich zu den Latschen, sandigen Böden und der Mittagssonne zurück. Dann brauchst du noch: hellwache Sinne und tiefe innere Ruhe. Und Zeit. Sitz einfach dort und lass die Dinge geschehen. Fühle, rieche, schmecke den Wind. Höre! Plötzlich – vorausgesetzt du hast nicht geschummelt und eine gute Portion Glück – bist du selbst die Dinge! Die Geräusche, der Wind, die Sonnenstrahlen, der Geruch. In diesem Moment erfährst du, was Leben heißt, erfährst du das wunderbarste der Wunder. Du wirst nie wieder die alten Buchhalterfragen nach Sinn, Ziel oder Weg stellen. Wer das Wunder erlebt hat, ist an Fragen nicht mehr interessiert. Ich weiß, dass unsere Sprache leider zu schwach ist, um dieses Erlebnis angemessen zu schildern. Selbst wenn sie Komposition, Malerei, Gedicht und Tanz in einem wäre, würde sie vor dieser Aufgabe versagen. Jeder mittelbare Ausdruck muss versagen.“
„Sehr bedauerlich, dennoch:

Manchmal
Wenn sich der Himmel dem Morgen öffnet
In hellem Blau und Rosa
Sprießen die Blumen
Und die Jugend verliert ihre Zeit
Und das Bier vom vergangenen Abend
Schäumt nicht mehr
Doch das Licht der Kykladen
Klärt alles.“

„Apropos! Zwei Bier, Lovely. Nicht zu kalt.“
„Wie immer anschreiben, vermutlich?“
„Budgetpolitisch sinnlos, im Übrigen aber ein liebes Ritual und darum doch von Bedeutung.“
„Ihr seid ja nur verdammte Klugschwätzer, Tagediebe und Nichtstuer.“
„Allerdings war es die herausragende Leistung der Herrschenden, in die Erbmasse der Völker einzumeißeln, dass sich schuldig mache, wer arbeiten könne, es aber vermeide. Ein an sich absurder Gedanke, aber seit Jahrhunderten Liebling der Mächtigen. Denen nützt er allemal – ob sie nun in Nadelstreif oder Soutane, in Uniform oder Kaftan an uns vorüberziehen.“
„Euer Bier.“
„Schenk dir doch auch eins ein.“
Lovely machte sogleich einige Tanzschritte, zog Grimassen wie ein Clown und sang in gebrochenem Falsett: „Alkohol sucht Alkohol und tut wohl, ach so wohl!“
Sie applaudierten, Lovely versuchte einen Hofknicks.
„Er macht sich, trotzdem er ein Moralist zu sein scheint.“
„Das ist er nicht. Er ist ein anständiger Kerl.“
„Dennoch: ihr seid alle in einem Topf gekocht und aus einer Suppe gezogen.“
„Und in den Wolken schwamm ein Hammerhai vorbei.“
Lovely taumelte herein. Auf seiner Stirn balancierte er eine Beule. Eine treue Beule, die ihn auch nicht verließ, als er auf die Knie sackte und nach hinten wegkippte. Lucky sprang in den Raum, zwei Schießeisen in den Händen, mit denen er wild herumfuchtelte. Offenbar hatte er schwer geladen.
„Gottverdammte Tunten!“ brüllte er. „Euch wollte ich schon lange eine Ladung aufbrennen!“
„Hat es wirklich mit Gott zu tun und der Schönheit des Absurden?“
„Ihr aspermatischen Hurensöhne!“ fluchte Lucky. „Es wäre das Beste, wenn ich euch auf der Stelle umlegen würde. Ich schwör’s, ich täte es auch, wenn ich nicht wüsste, dass der verrückte alte Sweeny, irischer König der Vögel, es mir zur Schande gereichen ließe!“
„Der gute alte verrückte Sweeny ist in Ordnung. Das sage ich jedem, der mich danach fragt.“
„Du machst mir nichts vor?“
„Bookolabras sei mein Zeuge!“
Lucky warf besänftigt die Kanonen weg und zog ein Päckchen Karten aus der Hosentasche.
„Also denn, spielen wir Rummy.“

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