Das Massengrab hat Hunger
Krimiparodie

Leseprobe

© 2014 by Peter Bergmann. All rights reserved.

Das Massengrab hat Hunger-200

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Der Luftballon hat Flöhe

Es klopft. Ich rufe „Herein“ und glaube gleich darauf nicht recht zu sehen. Ein Luftballon betritt mein Büro. Ein Luftballon, der auf einem Bierfass angebracht ist. Ein roter Luftballon mit aufgemaltem Gesicht. Das Bierfass sehe ich nicht genau. Es steckt in einem Maßanzug aus Seide, trägt eine Ledermappe unter dem Arm und eine gepunktete Krawatte um den Luftballonanschluss. Eine unmögliche Krawatte.
Als Detektiv erlebt man allerhand und ist rundum abgehärtet, doch ein Bierfass mit Krawatte plus Luftballon sprengt auch meine Alltagserfahrungen. Ich überlege eben, wie man diese Art Luftballon wohl behandelt, da spitzt der die Lippen und beginnt zu sprechen. Ich bin baff.
Der Luftballon, der mit gespitzten Lippen aussieht wie ein pfeifender Luftballon, sagt: „Ich bin angemeldet. Mein Name ist Gerstenkorn.“
Das, meine Lieben, überrascht mich noch mehr!
Vor einer halben Stunde rief eine Sekretärin an, die einen dringenden Termin für ihren Chef verlangte. Ich spendierte ihm einen. Von einem Luftballon war dabei nicht die Rede, aber sehr wohl von einem Gerstenkorn – der Name des Chefs der Sekretärin.
Jetzt fällt bei mir endlich der Groschen!
Der Luftballon ist nichts anderes als der Kopf vom Chef! Demnach muss das Bierfass im Maßanzug der Körper vom Chef sein. Das beruhigt mich. Ein echtes Bierfass würde niemals eine so geschmacklose Krawatte tragen.
Der Chef hat es sehr eilig. Er setzt sich in den Besuchersessel, öffnet die Mappe und nimmt drei Blätter heraus. Die streckt er mir entgegen.
„Lesen Sie!“
Ich bin noch ziemlich durcheinander, weil ich daran denken muss, dass ich im Park gerne auf die Luftballons der Händler schieße, um in Übung zu bleiben. Der Chef ist mir dabei zum Glück noch nie über den Weg gelaufen.
Ungeduldig wiederholt er: „Lesen Sie schon, das ist am einfachsten.“
Auf dem Deckblatt steht ein Aktenzeichen, keine Überschrift. Ich schüttle meine Verwirrung ab, und beginne zu lesen.

Fall 1, Sugo-Werke, 12.01.20..
Ein Unbekannter entfernt die Hauptsicherungen, beschmiert die Sicherungshalterungen mit EWIG-KLEB (Produkt der Sugo-Werke) und schraubt sie in die Fassungen zurück. Dauer der Reparatur: sieben Stunden.
Anzeige wegen Sachbeschädigung. Kein Ergebnis (im Folgenden: K.E.)

Fall 2, ULIBA-AG, 14.02.20..
Drei Hähne der Wasserversorgung werden mittels eines Hebels abgedreht, Gewinde und Armaturen zerstört. Reparaturdauer: fünf Stunden.
Anzeige, K.E.

Fall 3, Farnkraut & Co, 05.04.20..
Mehrere Abwasserrohre werden durch eine quellende und rasch härtende Kunststoffmasse verstopft (Produkt von Farnkraut & Co). Erzwungener Stillstand aller Anlagen: zwei Tage. Anzeige, K.E.

Fall 4, Dufty-Chemie, 20.04.20..
Ein vorsätzlich herbeigeführter Kurzschluss im computergesteuerten Mischkessel kann erst nach zwei Tagen behoben werden.
Anzeige, K.E.

Die Liste umfasst weitere Punkte. Acht Unternehmen sind von den Sabotageakten betroffen und die Störenfriede lieben Abwechslung. Spezialwerkzeuge verschwinden, Feuermelder geben falschen Alarm, Stinkbomben explodieren, Skalen und Messinstrumente werden mit Lack beschmiert.
Zweimal tauchen Tausende von Flöhen und Wanzen in den Fabriken auf. Ich muss grinsen. Wahre Flohinvasionen! Plötzlich weiß ich, warum die Hände des Luftballons ständig in seinem Anzug verschwinden und kratzen! Gerade jetzt wieder.
Das ist zu viel! Ich kann nicht anders, ich lache laut los. Der Chef findet es nicht lustig. Er schnaubt beleidigt und starrt mich böse an. Ich versuche mich erneut auf die Liste zu konzentrieren, und mit viel Mühe gelingt es mir.
Die aufgezählten Fälle haben drei Gemeinsamkeiten:
Den Produktionsausfall, die Anzeige und den Vermerk K.E. – Kein Ergebnis.
„Tut mir leid wegen vorhin“, sage ich schließlich. „Es hat mich übermannt. Zu welchem Verein gehören Sie eigentlich?“
Er ist immer noch eingeschnappt, seine Stimme verrät es.
„Ich bin Generaldirektor der ULIBA-AG. Die Liste ist übrigens nicht vollständig. Meine Sekretärin arbeitet daran und sie muss viele neue Daten einfügen. In den letzten Wochen ist eine Menge geschehen. Unbestellte Schotterfuhren werden vor Fabrikstoren abgeladen, Lieferanten erhalten fingierte Stornierungen und Bestellungen, Gläubiger und Banken werden verunsichert, erstmals sind sogar anonyme Bombendrohungen eingegangen … Uns ist der Kragen geplatzt!“
In dem Augenblick springt tatsächlich sein oberster Hemdknopf ab, weil die Würstchenfinger fünf flinke, schwarze Punkte den Hals hinab verfolgen. Ich darf nicht hinsehen! Er schlägt mit der Faust auf die Sessellehne. Üblicherweise mag ich das nicht, aber der Chef hat so viel Ärger, dass ich ihm verzeihe.
„Jawohl! Der Kragen geplatzt! Man kann sich nicht alles gefallen lassen. In einer Krisensitzung beschlossen wir, es mit einem Privatdetektiv zu versuchen. Man hat Sie empfohlen. Ich bin nicht sicher …“
„Das hat schon seine Richtigkeit“, behaupte ich schnell und blicke angestrengt zur Decke, weil er gerade eine wilde Verrenkung produziert, um an seinen Rücken zu gelangen.
„Einen Besseren als mich gibt es in der Stadt nicht. Wahrscheinlich gibt es überhaupt keinen Besseren. Ich gratuliere Ihnen. Wer ist übrigens ‚wir‘?“
„Wir? Ach so. Ich meine damit unseren Verband, den Verband der örtlichen chemischen Industrie. Ich bin sein Vorsitzender.“
Der Luftballon ist stolz. Ich überfliege noch einmal die Sabotageliste.
„So was!“, sage ich. „Ich bin nur einfaches Mitglied der rätselratenden Berufsdetektive, und gerade bin ich auf ein großes Rätsel gestoßen. Wenn Ihre Aufzeichnungen stimmen, ereignete sich der erste Anschlag vor mehr als sechs Monaten. Seither geht es rund. Wie kommt es, frage ich mich, dass weder der Schwätzerexpress noch der Klatschbote noch die Gerüchtepost darüber berichtet haben? Die sind doch sonst hinter jeder Neuigkeit her wie Heinrich VIII. hinter dem Schnaps.“
Heinrich VIII. ist der Kater meines Tantchens und hat ein Alkoholproblem.
„Eben“, sagt der pfeifende Luftballon. „Eben deshalb haben wir eine schöne Stange Geld gezahlt, um übereifrige Reporter einzubremsen. Uns liegt nichts daran, diese Dummheiten aufzubauschen. Das schadet dem Image.“
„Vor allem dem Image der Polypen“, werfe ich ein. „Schließlich ist es deren Schuld, wenn hinter allen Anzeigen K.E. steht.“
Schon während des Redens merke ich, dass dieses Thema dem Chef überhaupt nicht passt. Er windet sich wie ein Aal, was für ein Bierfass bestimmt nicht leicht ist.
„Ach die Polizei“, wiegelt er ab. „Die Polizei tut doch, was sie kann. Sie verfolgt diese und jene Spur. Es ist eben Pech, wenn nichts dabei herauskommt. Warum soll nicht auch die Polizei einmal Pech haben dürfen?“
Hoppla! Das ist ja ein Schlager! Ich habe schon Hunderten von Leuten zugehört, die sich über die Polypen beklagten, sie beschimpften und verfluchten bis ins zehnte Glied. Das ist normal. Aber wenn ein Opfer das Schweigen der Presse kauft und gleichzeitig die armen Bullen verteidigt, dann ist das nicht normal. Das ist neu, das ist ganz neu, das ist faul! Und damit will ich nichts zu tun haben.
„Hat mich sehr gefreut“, sage ich darum. „Bis zum nächsten Mal, Chef. Sie kennen den Weg ja.“
Er starrt mich mit hervorquellenden Augen an. Einen Moment lang bekomme ich Angst um den Luftballon, bis ich mich erinnere, dass es sich ja nur um den Kopf vom Chef handelt.
„Wie meinen Sie das?“, stottert er.
„Ganz einfach“, erkläre ich. „Ich meine: auf Wiedersehen. Ich bin zwar Berufsrätselrater, aber für Kunden, die mir selbst ein Rätsel sind, löse ich prinzipiell keine.“
„Was?“
„Für einen Chef sind Sie reichlich schwer von Begriff. Ich sage, Sie verschweigen mir etwas und da mache ich nicht mit.“
Das geht ihm unter die Gummihaut. Außerdem attackiert ihn gerade eines seiner Tierchen an einer schlecht erreichbaren Stelle, und es bleibt ihm nichts übrig, als auf dem Sessel hin- und herzuwetzen wie ein Huhn im Sandbad.
Ich muss wieder grinsen und sage: „Ein Vorschlag zur Güte, Chef. Sie erzählen mir alles, aber wirklich alles, und dann werde ich sehen, ob ich Ihnen helfen kann.“
Er lächelt gequält. Das ist ein umwerfender Anblick! Nun weiß ich, dass ein lächelnder Luftballon mindestens zehnmal wertvoller ist als ein pfeifender.
„Also gut“, brummt er. „Wir sind in einer unmöglichen Situation!“
Dann legt er los.
Für einen Außenseiter ist die Lage nicht ganz leicht zu verstehen – jedem wird klar sein warum, wenn er erfährt, dass es sich um eine politische Angelegenheit handelt.
In einigen Wochen soll gewählt werden. Der Luftballon und seine Freunde sind stockkonservativ und legen großen Wert darauf, dass sich an den Verhältnissen im Rathaus nichts ändert. Deshalb schonen sie auch die Bullen, obwohl sie ihnen am liebsten die Köpfe abreißen würden. Aber ein Versagen der Polizei würde auch dem jetzigen Bürgermeister schaden. Daher die Zurückhaltung des Luftballons und seines Verbandes. Dazu kommt, dass das chemische Gewerbe ein bisschen in Verruf geraten ist. Ganz zu Unrecht, beteuert der Luftballon. Ich habe einiges gelesen und gehört und habe meine Zweifel. Einer der Betriebe stößt beispielsweise wöchentlich eine große Gaswolke aus. Die Leute in seiner Umgebung laufen dann tagelang mit tränenden Augen herum. Man nennt es das weinende Viertel.
Ein anderes Beispiel: Einmal führte ein betrunkener Chauffeur eine Pensionistengruppe zum Baden an den Fluss. Er irrte sich im Weg und schickte die betagten Leutchen stromabwärts der Säurefabrik ins Wasser. Man hat keine Spur mehr von ihnen gefunden. Die Erben beruhigten sich rasch und der Chauffeur kam mit einem Verweis davon, aber manchen Bürgern schlagen solche Vorkommnisse auf den Magen. Besonders den Sportfischern, die seit Jahren nur Gräten aus dem See ziehen. Fische ohne ein Gramm Fleisch am Leib, die kann man kaum in der Suppe verwenden, und die wenigen, die es doch taten, sind an schweren Vergiftungen erkrankt. Nun mag man der Meinung sein, einige Sportfischer mehr oder weniger fielen nicht sehr ins Gewicht. Da ist bestimmt was Wahres dran, doch sind auch andere Berufsgruppen betroffen. Weinbauern können ihre Trauben nur mehr der Armee verkaufen, die destilliert daraus einen Kampfstoff. Die Spirituosenhändler klagen ebenfalls. Wer kauft denn Hochprozentiges, wenn er schon vom Leitungswasser blau wird?
Wie dem auch sei, die chemische Industrie hat keinen allzu guten Ruf, und das ist laut Luftballon der Grund dafür, warum sogar befreundete Politiker sie jetzt mit ihrem Sabotageproblem im Regen stehen lassen. Trotzdem sind diese Politiker dem Chef und seinen Freunden viel lieber als alles, was nachkommen könnte. Er sagt, dass er diese Leute eben kenne, und dabei lächelt er in sich hinein. Wer dieses Lächeln gesehen hat, versteht schon, was er damit meint.
Dann erzählt er, was sein Verband alles getan habe, um sich gegen die Saboteure zu wehren. Der Werkschutz läuft bis an die Zähne bewaffnet herum, ausgerüstet mit so komplizierten elektronischen Geräten, dass nicht einmal der Produzent sie zum Funktionieren bringt. Eben das Modernste vom Modernen, darauf sind sie sehr stolz.
Leider ist der Nutzen gering geblieben. Einige Leute wurden gestellt und erschossen, aber es waren die falschen. Steuerprüfer, Gewerbeinspektoren, harmlose Passanten …
Bevor der Luftballon mir den Grund für das Versagen der Abwehrmaßnahmen verrät, besteht er darauf, dass ich auf seine Bibel schwöre, nie auch nur ein Sterbenswörtchen von dem Gehörten auszuplaudern. Er hat tatsächlich eine Bibel dabei. Ich tue ihm den Gefallen und leiste den Eid.
Er zerquetscht nun sogar einige Tränen. Das liefert mir den Beweis, dass ein weinender Luftballon noch um vieles besser ist als ein lachender.
Dann rückt er mit seinem Geheimnis heraus: In den Betrieben gibt es Verräter! Kerle, die ihre Arbeitgeber hintergehen und den Saboteuren Informationen übermitteln! Der Luftballon schluchzt nun ganz offen über so viel Schlechtigkeit.
Trotz peinlichster Untersuchungen mit Dutzenden gebrochenen Fingern und Nasen konnte keines der Ungeheuer entlarvt werden. Noch schlimmer: Das Betriebsklima verschlechterte sich, die Suche musste abgeblasen werden. Er verbietet mir gleich, diese Spur wieder aufzurollen. Schon jetzt trägt ein Großteil seiner Angestellten eine Hand oder die Nase in Gips und das behindert die Produktion. Ich schlage Tritte gegen die Schienbeine vor, aber er winkt ab. Das wäre nur eine weitere Ausrede zum Zuspätkommen. Außerdem gibt es einen anderen Weg. Und nun folgt der ganz große Knüller: Der Luftballon knirscht mit den Zähnen!
Wer einen lachenden gesehen hat, wird den pfeifenden vergessen und wer den weinenden kennt, den lachenden. Aber wer einen Luftballon mit den Zähnen knirschen sieht …
Was soll ich sagen? Nur so viel: Das ist der Höhepunkt schlechthin. Darüber hinaus gibt es nichts mehr.
Ich bin so begeistert, dass ich gar nicht verstehe, was er mir erzählt. Er muss es wiederholen, und jetzt bin ich tatsächlich perplex vor Überraschung. Der Luftballon behauptet nämlich allen Ernstes, die Saboteure oder zumindest deren Hintermänner zu kennen! Er kennt sie, doch er kann nichts gegen sie unternehmen, weil er keine Beweise hat. Darum knirscht er mit den Zähnen, wann immer er daran denkt. Und er denkt oft daran. Seine Zähne seien nur noch halb so lang wie zu Beginn der Affäre, sagt er, und ich glaube ihm. Ich muss ihm glauben, er zeigt sie mir. Es sind nur noch Stümmelchen, mit denen er knirscht. Schließlich fasst er sich und schildert auch diesen Teil der Geschichte. Ihr Anfang reicht drei Jahre zurück. Damals ereigneten sich die Vorfälle mit den Pensionisten und den Fischen, und kurz darauf wurde eine Bürgerinitiative für Umweltschutz ins Leben gerufen. Ein ziemlich lautstarker Verein, doch zunächst völlig wirkungslos. Die Forderungen der Gruppe wären auch verrückt gewesen, meint der Luftballon. Sie verlangte sauberes Wasser zum Trinken, sauberes Wasser zum Baden, saubere Luft zum Atmen und Ähnliches. Natürlich hat man sie von Beginn an ausgelacht, denn letztlich richtet sich das alles gegen die Freiheit der Wirtschaft. Aber eines Tages erschien dann Vic Melloni, und seither hat sich einiges geändert. Vic Melloni ist Anwalt, ein gefährlicher Bursche und verbittert dazu. Ehemals war er Richter, doch diese Laufbahn wurde durch ein Disziplinarverfahren beendet. Melloni wollte einen Kollegen verurteilen, nur weil der auf einem Spielplatz geparkt hatte. Verrückt genug. Außerdem konnte der Verteidiger des Kollegen einwandfrei beweisen, dass sein Mandant viel zu betrunken gewesen war, um den Unterschied zwischen Spielplatz und Parkplatz zu erkennen. Und die Kinder hätten wissen müssen, dass man beim Spielen aufzupassen hat. Dieser Melloni wurde daher als Richter rausgeworfen und sattelte selbst um auf Anwalt. Bald riss er auch die Führung der Bürgerinitiative an sich. Von diesem Augenblick an überhäufte er die Industrie mit Anzeigen und Klagen, und niemand wagt gegen ihn vorzugehen, weil er großen Einfluss in der Öffentlichkeit erlangt hat.
„Dieser Verbrecher!“, knirscht der Luftballon. „Dieser verdammte Hundesohn! Er ist an allem schuld! Wenn er sich nun noch zur Kandidatur entschließt … Gott behüte uns!“
Der Chef ist ganz sicher, dass die Saboteure in der Bürgerinitiative zu finden seien. Sogar wenn Melloni als Ex-Richter Bedenken gegen ihre Methoden haben sollte, nütze ihm das nichts. Aber er hat keine Bedenken, er will alle Gegner vernichten.
„Kreuzelende Anarchisten sind es!“, brüllt der Luftballon so laut, dass die Scheiben klirren. Die Scheiben in dem Glaskasten für den Schnaps. Mein neues Büro hat Fenster, aber die bringt kein Orkan zum Klirren, so klein sind sie.
Jedenfalls steckt der Karren im Dreck. Es ist ein schönes Dilemma!
Melloni will als Führer der Bürgerinitiative möglichst viel Wirbel verursachen, um als Bürgermeisterkandidat davon zu profitieren. Die Industrie würde ihn gern in seine Elemente zerlegen und sie im Salzstock endlagern, traut sich aber nicht, weil sie Angst vor seiner Kandidatur hat und noch mehr Angst vor einem Märtyrer des Umweltschutzes. Die Stadtregierung von Monakree fürchtet Melloni, das schlechte Image der Industrie und vor allem natürlich den Verlust ihrer gut gepolsterten Sitze für extrabreite Hintern. Und die Polypen tun nur das Allernotwendigste, weil sie nicht zuletzt als Sündenbock für alle Parteien herhalten möchten.
Ja, das ist alles in allem die Lage, zumindest aus der Sicht des Luftballons – und ich soll seine Wunderwaffe sein!
„Entlarven Sie diesen Melloni und seine Bande!“, fleht er, und die Tränen laufen ihm bis in den geplatzten Kragen. „Sie sind unsere letzte Hoffnung. Wenn der Kerl erst im Rathaus sitzt, ist es zu spät. Dann bleibt uns nichts mehr übrig als auszuwandern. Wir müssten froh sein, das nackte Leben zu retten. Denken Sie an unsere Frauen und Kinder! Könnten Sie noch eine einzige Minute ruhig schlafen, wenn Sie ihr Schicksal in Armut und Fremde auf dem Gewissen hätten? Niemand könnte das! Lassen Sie uns nicht im Stich! Helfen Sie uns!“
Ganz im Ernst, wer brächte es fertig, hierauf nein zu sagen? Andererseits ist das Risiko beträchtlich. Das Schlamassel scheint wie extra erfunden, sich daran die Finger zu verbrennen. Meine Finger stehen mir näher als seine Frauen und Kinder. Doch der Luftballon weiß, wie er mich rühren kann. Er zückt sein Scheckheft und schreibt, und sofort trägt die Sorge um mein Gewissen und meinen ruhigen Schlaf den Sieg über alle Bedenken davon. Um beides wäre es mit Sicherheit geschehen, wenn ich diesen Scheck ausschlagen würde!
Es ist ein von frischem Mut beseelter Luftballon, der gleich darauf mein Büro verlässt. Ich gebe ihm fünf Minuten Vorsprung, ehe ich zur nächsten Filiale seiner Bank laufe und den Scheck einlöse. Man kann nie wissen, vielleicht hat sich der Chef nur einen Scherz erlaubt und mir einen Riesenbären aufgebunden. Aber der Scheck ist in Ordnung. Ich spüre augenblicklich viel mehr Vertrauen zu dem Luftballon und trabe ins Büro zurück, um nachzudenken.

Ein Torpedo in meinem Fleisch

„Es ist eine knifflige Situation“, erkläre ich eine Stunde später meinem Partner. „Wenn du nicht genau zuhörst, wirst du sie nie begreifen. Ehrlich gesagt: Ich bezweifle sogar, ob du sie begreifst, wenn du genau zuhörst.“
Das ist keine Grobheit, es ist die reine Wahrheit, leider! Nur Theo sieht es anders. Insgesamt heißt er Theodor Euclepius Torpedo. Er ist das Letzte der Detektei Bell/Torpedo. Vorne stehe ich und daran wird sich mit Sicherheit nichts ändern.
„Schon gut“, mault er, „wegen dem bisschen Zuspätkommen …“
Mich packt momentan ein Gefühl tiefer Anteilnahme mit mir selbst. Es packt mich oft, wenn ich mit Theo rede.
„Keine Missverständnisse!“, bitte ich innig. „Ich habe nichts dagegen, wenn du zu spät kommst. Je später du kommst, desto lieber ist es mir. Wir könnten es so einrichten, dass du kommst, wenn ich gehe, oder …“
Er gähnt.
„Welche knifflige Situation eigentlich?“
Es gehört zu seinen Angewohnheiten, mich zu unterbrechen, und es ist noch nicht seine schlechteste.
Ich erzähle ihm also haargenau, was ich kurz zuvor vom Luftballon erfahren habe. Dann warte ich gespannt.
Theo enttäuscht mich nicht. Er schüttelt verwundert den Kopf und sagt: „Kein Problem. Wir überführen Melloni, dann kann er nicht kandidieren.“
„Mann!“, staune ich. „Du hast es wirklich drauf.“
„Klar“, strahlt mein Partner. „Frag einfach mich, wenn du nicht weiter weißt. Wie heißt unser Klient eigentlich?“
„Gerstenkorn“, sage ich, „Maximilian.“
„Erinnert mich an Napoleon“, meint er. „Mein Plan ist gut, was?“
Ich nicke bewundernd. Das ist Theo Torpedo.
Das Schlimmste ist, ich habe ihn mir selbst eingebrockt. Eines Tages tauchte die kleine Ratte unangemeldet in meinem Einmannbüro auf und fragte, ob ich Geld brauche. Eine dumme Frage, aber sie hat mich nicht gewarnt.
Natürlich brauche ich Geld, immer und immer dringend. Allein mein neues grün-pink gestreiftes Seidensakko mit der Silberstickerei hat mich zwei Monatseinnahmen gekostet. Meine Ausgaben folgen einem Naturgesetz, das sie die Einnahmen regelmäßig um die Hälfte übersteigen lässt. Ich war also neugierig, was mir der Kleine vorzuschlagen hat. Er sagte, er habe alle Jingle-Bell-Fälle verfolgt – wer’s noch nicht weiß: Jingle Bell ist meine Wenigkeit – und ist zu der Ansicht gelangt, dass ich ein würdiger Partner für ihn sei. Ich für ihn, wohlgemerkt. Nicht etwa umgekehrt. Ich fragte, was er außer Kohle denn so mitbringe. Er erzählte ganz stolz, dass er seine Berufskenntnisse aus dem Besitz von 2000 Kriminalromanen bezieht. Aus dem Besitz sage ich, gelesen hat er sie nicht.
Ich warf ihn hochkant hinaus, gar keine Frage!
Daraufhin steckte er den Kopf durch den Briefschlitz. Im Mund hielt er einen Zettel, auf dem eine schöne, runde Zahl stand – und zwei Wochen danach übersiedelten wir in dieses Büro. Seither steht Bell/Torpedo auf unserer Glastür.
Ich war zu gierig, das gebe ich zu, aber schuld ist er! Er kann den Kopf wirklich durch einen Briefschlitz stecken. Er hat alle Voraussetzungen, um ein Kaninchen bis in den Bau und durch den Notausgang zu verfolgen. Abgesehen vom nötigen Mut vielleicht.
Er ist 1.45 groß, wiegt 42 Kilo und macht an seiner dicksten Stelle nicht mehr her als ein durchschnittlicher Oberschenkel. Er trägt Schuhe mit hohen Absätzen und nimmt den Hut nicht einmal ab, wenn er ins Bett geht. Und ins Bett geht er gern! Bei jeder sich bietenden Gelegenheit macht er das und immer in Gesellschaft. Er ist fixiert darauf, im Bett Gesellschaft zu haben. Den meisten Männern ist ihr Schönheitsschlaf wichtiger. Nicht Theo. Dem ist nichts wichtiger, gar nichts!
Während der großen Überschwemmung im Vorjahr unterbrach er sich und die Gesellschaft nur für 15 Minuten. Solange braucht er, um eine Luftmatratze aufzublasen.
Keine Ahnung, was die Gesellschaften an dem Knirps so schätzen – seinen Hut, oder gerade die Fixierung?
Im Übrigen habe ich nichts gegen ihn, solange er mich in Ruhe lässt. Er lässt mich aber nicht in Ruhe, er ist mein Partner. Ich kann ihn nicht hinauswerfen, weil ich ihn nicht auszahlen kann, das ist es!
Sein Schreibtisch ist voll von hellblauen Visitenkarten, auf denen sein lächerlicher Name steht und darunter: ‚Privatdetektiv!‘
Mit Rufzeichen!
An sich durchaus verständlich – Detektiv klingt interessanter als Vertreter für Armbanduhrenstundenzeiger. Das war er, bevor er erbte und Detektiv wurde. Während der großen Zeit der Digitaluhren hat er es teuflisch schwer gehabt. Jetzt habe ich es teuflisch schwer. Ein schlechter Tausch. Immerhin weiß ich, dass er gegen Digitaluhren allergisch ist. Ich trage an jedem Handgelenk eine.
Theo strahlt immer noch über seinen genialen Vorschlag, er kann nicht Gedanken lesen. Er muss sich ja auch im eigenen Kopf mit nichts herumschlagen, das ihm als Anschauungsmaterial für diese Kunst dienen könnte. Ich sage ihm also, was er nicht lesen kann.
„Sperr deine Ohren auf“, knurre ich. „Um Melloni zu überführen, brauchen wir einen Beweis, dass die Umweltschützer Sabotage betreiben. Wir brauchen ihn vor den Wahlen, sonst muss der Luftballon mit seinen Frauen und Kindern auswandern, klar?“
„Nein“, sagt Theo mit gefurchter Stirn.
Ich habe die Antwort erwartet und fahre fort: „Deshalb wirst du genau tun, was ich sage, ganz ohne Einschränkung.“
Das hört er nicht gern. Sofort greift er zu seiner Likörflasche. Das gehört auch zu seinen Eigenheiten. Er schlürft Liköre in allen Farben, zu jeder Tageszeit. Hauptsache, sie sind bunt und klebrig und verpesten die Büroluft. Nach dem Likör stößt er einen Seufzer aus, doppelt so lange, wie er selbst groß ist. In absoluten Zahlen bedeutet das nichts, aber relativ betrachtet ist es eine ordentliche Leistung.
Mich beeindruckt sie nicht. Ich nagle ihn mit meinem Blick fest, bis er widerstrebend murmelt: „Einverstanden. Wenn du es auf die umständliche Tour machen willst, machen wir es umständlich.“
Ich erkläre ihm also, wie wir den Fall anpacken werden, genauer gesagt: was er in den nächsten Stunden zu tun hat. Ich will ihn nicht gleich überfordern, noch ehe die eigentliche Arbeit beginnt.
Theo wird der Bürgerinitiative beitreten. Er hat in den vergangenen Wochen zwar bündelweise Visitenkarten verteilt, aber ich glaube nicht, dass ihn jemand, er selbst ausgenommen, wirklich für einen Detektiv hält. Im Übrigen sind Bürgerinitiativen nicht so, die freuen sich über jedes neue Mitglied, die achten nicht auf Äußerlichkeiten.
Als kleiner Mitläufer soll mein Partner herumhorchen, Kontakte knüpfen und die Stimmung im Verein beobachten. Natürlich braucht er ein wenig Vorbereitung. Zu dem Zweck hat der Luftballon eine Broschüre hiergelassen – auch weil er beweisen wollte, dass er in seiner Ledermappe nicht nur drei Blätter Papier und eine Bibel spazieren trägt.
Die Broschüre stammt von Melloni höchstpersönlich. Sie ist auf umweltfreundlichem Papier gedruckt. So umweltfreundlich, dass es ganz rauchlos verbrennt. Der Luftballon behauptet es und er muss es wissen, denn er kauft jede Menge dieser Heftchen auf, nur um sie dem Feuer zu übergeben.
Sie enthalten nämlich eine Anklageschrift gegen die Sünden der chemischen Industrie.
Wenn es Theo gelänge, sich einen Bruchteil davon zu merken, wird er bei den Umweltschützern gute Aufnahme finden.
Mein Partner ist nach seinen ersten Bedenken begeistert, er rechnet vor allem mit Umweltschützerinnen. Ich denke, ich habe es erwähnt: Er ist fixiert.
Ich werfe ihm das Heftchen zu, und ich schwöre: Es ist reiner Zufall, dass eine Ecke sein linkes Auge trifft. Aber so ist es im Leben. Ohne ein Quäntchen Glück gelingt einem gar nichts.

Polypenfischen

Der Bullenpalast, wie das Polizeipräsidium genannt wird, ist ein alter, grauer Bau, der sommers wie winters so aussieht, als ob darinnen Regenwetter herrschte. Dementsprechend ist die Gemütslage seiner Bewohner, das weiß ich ganz gut – aber es nützt nichts, ich muss hinein. Der Luftballon hat mir ja einiges über die Bürgerinitiative erzählt, besonders über die Leute, die neben Melloni im Vorstand sitzen. Er drückte sich dabei sehr farbig aus, und er griff verdammt tief in die Farbtiegel.
So bunt können die gar nicht sein, denke ich, und um ein einfacheres Bild von ihnen zu bekommen, bin ich hier. Für einfache Bilder sind die Polypen gerade recht, die malen liebend gerne in Schwarz-Weiß.
Die Frage ist nur, ob sie mir ihr Album auch zeigen. Beim Herzeigen sind sie oft eigensinnig.
Ich gehe geradewegs in den zweiten Stock, wo mein Oberfreund, der Kriminalkommissar Butta, sein Büro hat. Er ist nicht anwesend. Auf einem Schild steht, dass er mit dem Polizeichor probe. Ich kenne das. In einer Plattenfirma, die sich dagegen nicht wehren kann, weil ihr Chef in zu vielen Akten aufscheint, produzieren sie vielstimmige Liedchen in der Art von: ‚Wie ich den bösen Knacker fing, mit meinem Handesschellenring‘.
Der Reinerlös fließt in einen Fonds zugunsten in Ehren ergrauter Beamter.
Soviel mir bekannt ist, haben sie noch nie auch nur ein Stück verkauft, aber das schadet nichts, weil sie ja auch keinen in Ehren ergrauten Beamten haben.
Butta ist also bei der Probe, deshalb muss ich mich mit einem Referenten begnügen. Der Referent, ein junger Bursche, ist einer von denen, die einen Riesengewinn machen, wenn sie ihr Gewissen gegen die Blechmarke eintauschen.
Er sieht mich und verzieht sein Gesicht, doch er gibt mir die Hand. Das ist ein gutes Zeichen. Die Hand geben sie mir nur, wenn sie etwas von mir wollen oder gerade Waffenstillstand herrscht. Wir haben seit Wochen nichts miteinander zu tun gehabt, also bedeutet es Waffenstillstand.
„Schönen Tag, Referent“, sage ich. „Gut, dass du einen Haarschnitt wie eine glatt rasierte Bürste hast. Da kannst du gar nicht anders, als mir ein offenes Ohr leihen. Ich möchte ein bisschen in euren Akten stöbern.“
„Unmöglich“, erwidert er gewohnheitsmäßig. „Das wäre gegen die Vorschriften.“
„Ich meine alles, was ihr über die Bürgerinitiative habt“, fahre ich fort. „Ich arbeite nämlich an einer ganz heißen Sache. Wenn ich etwas herauskriege, liegt es allein bei mir, wer von eurem Haufen als Erster davon erfährt.“
„Kommt gar nicht infrage, Schnüffler“, sagt er. „Von welcher Initiative redest du?“
„Umweltschutz“, erkläre ich. „Vic Melloni.“
Er stößt einen Pfiff aus.
„Die Sabotagesache, was? Das ist reines Dynamit, Bell. Spring mit dem Kopf voran in kochende Lava, es ist gesünder für dich. Aber vielleicht bekommst du ja endlich eine neue Haut, nachdem sie dir die alte abgezogen haben.“
Ich lasse ihn reden, denn ich fühle, dass er reif zum Pflücken ist.
„Meine Worte, Referent“, stimme ich deshalb zu. „Ich riskiere Kopf und Kragen, du riskierst gar nichts und könntest jede Menge Lorbeer einheimsen. Du brauchst mir nur ein wenig gefällig sein, das kostet dich keinen Cent.“
Jetzt beginnt seine Tagtraummaschine richtig zu laufen, man merkt es an dem trüben, nach innen gekehrten Blick und den feuchten Mundwinkeln. Ich lasse ihm eine Weile das Vergnügen, dann verdrehe ich seinen kleinen Finger, bis es kracht.
Er schreckt auf und fragt: „Du verständigst mich, Schnüffler?“
Ich nicke feierlich.
„Ehrenwort?“
„Großes Ehrenwort.“
„Moment“, sagt er und springt auf. „Das haben wir gleich.“
Drei Minuten später liegt ein Papierstoß vor mir, hoch wie eine fünflagige Geburtstagstorte samt Kerzen.
Man muss den Kerlen nur den passenden Köder anbieten, schon zappeln sie am Haken, gefräßig wie junge Forellen.
Ich beginne mit der Arbeit und sammle eine Menge Daten. Seit ich die Meisterprüfung im Schnelllesen abgelegt habe, geht so was Ruck-Zuck.
Der Referent hat bei der Polizei als Analphabet begonnen und verrechnet heute noch die Buchstaben, die er pro Tag bewältigt, als Sonderleistung. Bei meinem Tempo fallen ihm die Augen aus dem Kopf. Zum Glück ist er Brillenträger, das bewahrt ihn vor Schlimmerem. Als er seine Sehorgane wieder eingerenkt hat, bin ich schon fertig.
Ich trage ihm noch schöne Grüße für Butta auf. Das freut ihn sehr, weil er weiß, dass allein mein Name bei seinem Chef für hohen Blutdruck sorgt, und er sich Hoffnung auf den Posten macht. Vor einem Gehirnschlag ist ja niemand gefeit, nicht einmal der Kommissar, obwohl es ein Rätsel ist, wo der Schlag in seinem Fall hinzielen soll.
Der eifrige Referent erinnert mich mindestens dreimal an mein Versprechen und schüttelt mir so lange die Hand, bis ich sage, dass das seiner Karriere schaden könnte. Da lässt er rasch los, und ich kann endlich gehen.
Sechs Personen gehören dem Vorstand an. An der Spitze meiner Liste steht Vic Melloni. Ich bin entschlossen, mir alle sechs einzeln vorzuknöpfen, nur über die Reihenfolge bin ich mir noch nicht im Klaren. Um mein Wild ein wenig aufzuscheuchen, klappere ich zunächst alle Adressen ab und unterhalte mich mit Geschäftsleuten, Ladenschwengeln, Nachbarn und Zeitungsverkäufern. Sogar mit einem Zigarettenautomaten unterhalte ich mich, so in Fahrt bin ich.
Bei dieser Ausfragerei kommt natürlich nichts heraus. Wenn etwas dabei herausgekommen wäre, hätte es mich selbst am meisten überrascht. Aber ich kann im englischen Pub essen oder gleich Gift darauf nehmen, dass Vic Melloni und seine Getreuen Wind von meiner Tour bekommen und vielleicht heute nicht ganz so gut schlafen. Darauf kommt es mir an.
Unterwegs kippe ich da und dort ein Gläschen, um meine ausgefransten Lippen zu glätten, und auf diese Art bringe ich den Nachmittag herum und beschließe, gleich morgen Ernst zu machen.
Leider lässt es sich nicht vermeiden, am Abend noch einmal mit Theo zusammenzutreffen. Ich will wissen, was er erreicht hat, und wenn ich nicht Druck mache, verschwindet er in irgendeinem Bett und kriecht erst weiß Gott wann wieder heraus.
Theo stinkt wie eine lecke Likörfabrik, aber er ist anscheinend nicht allzu ungeschickt vorgegangen. Zumindest die Sekretärin im Büro der Bürgerinitiative hat ihn mit offenen Armen empfangen. Mein Partner ist jetzt jüngstes Mitglied von Mellonis Truppe und hat sogar einiges über den Aufbau der Organisation erfahren. Was er erfahren hat, klingt nicht ermutigend.
Die Umweltschützer arbeiten in kleinen Gruppen, nehmen Messungen vor und dergleichen, und der Kontakt zwischen ihnen ist gering. Es gibt eine Führungsstruktur, die darauf hinausläuft, dass letztlich jedes Vorstandsmitglied für eine Anzahl an Gruppen verantwortlich ist.
Ich bin davon überzeugt, dass bestimmt nur ein winziger Teil der Umweltstreiter mit der Sabotage zu tun hat – die Chance, das Wespennest von der Basis her auszuräuchern, ist deshalb klein; der Umstand, dass diese geringen Hoffnungen auf Theos schmalen Schultern ruhen, macht sie zweifellos nicht größer.
Morgen soll mein Partner an einer Versammlung teilnehmen. Ich schärfe ihm ein, Augen und Ohren offenzuhalten. Auch wenn es leichtgläubig erscheint, hinter diesen Augen und Ohren etwas so massives wie ein Netz zu vermuten, könnte ja doch eine Kleinigkeit hängen bleiben.
So hofft der Mensch, obwohl er es besser wissen müsste. Theo haut ab und trifft sich mit Gesellschaft. Ich bin müde und fahre nach Hause. Tantchen diskutiert wieder bei einer Talkshow mit, wie üblich vor dem Fernseher. Heinrich VIII. schnurrt laut, als er mich sieht. Wir nehmen gemeinsam einen Drink. Er will dann losziehen und sich nach Miezen umsehen, aber ich habe heute keine Lust mehr und gehe schlafen.

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